Dies ist ein mir am Herzen liegender Kommentar zu folgendem online Artikel und der Verfasserin Anabel Schunke:
http://www.rolandtichy.de/meinungen/ihr-nehmt-mir-meine-heimat/
Wenn mir eins gehörig auf die Nerven geht, dieser Tage, dann die
unsäglichen Aussagen der plötzlich auf dem
Deutsch-nationalen-Identitätsfindungstrip verrannten
Bequemlichkeitsnörgler, die offenbar das Jammervokabluar der sich in der
imaginären Abgrenzung zu „Ausländern“ neu definierten
Deutsch-Stämmigkeit befindlichen Medialen Hetze auswendig gelernt und
sich in dieser Gruppierung, der in dauernden Wiederholungsschleifen von
Kultur und Deutschen Werten faselnden Mantra Sänger aufgehoben fühlen.
Das ist sehr wohl religiös anmutend, so wie jeder medial losgetretene
Trend. Und auch dieser wurde medial aufgekocht, denn die sogenannte
„Lügenpresse“, welche diesen Titel durchaus verdient, allerdings aus
ganz anderen Gründen als es die Pegidisten, Afd’ler und Anhänger
ähnlicher Gruppierungen durchschaut zu haben glauben, arbeitet natürlich
mit wesentlich subtileren und vielschichtigeren Methoden als, und diese
Unterstellung wage ich durchaus zu halten, die meisten der neuen
Verteidiger des Wortes „Kultur“ zu analysieren in der Lage sind, zumal
es noch nicht einen Artikel gab, durch den ich mich gequält habe, in dem
allein der Begriff „Deutscher Kultur“ oder „Deutscher Werte“ von den
Propagandisten annähernd definiert wurde.
So ist auch dieser
Beispielartikel mit Mustergültigkeit, der den Titel „Tichys Einblick“
der liberal konservativen Meinungsseite trägt, lediglich eine Draufsicht
ohne erkenntnisfähige Analysefunktion.
Aber noch viel mehr als
das, ist er eine Beschreibung der Indentitäts-basierten Unsicherheit
einer Gesellschaft, die sich von den Medien berieselt seit ungewisser
Zeit in einem schlaftrunkenen Zustand der imaginären
Konsumidentifikation befindet, und nun in einem schreckhaften Erwachen
die Unwirklichkeit ihrer bisherigen Gefühlswelt erkennt. Und genau in
diesem Moment bieten alle Bildschirme ein hervorragendes, fast
märchenhaftes Feindbild, einen Blitzableiter der emotionalen
Schreckreaktion die anderenfalls zu einem Erwachen zum Selbst führen
könnte, um diese Menschen für die eigenen Geschicke der
System-Maschinerie zu lenken:
den Immigranten.
Da sich gerade die
nun in wertender Abgrenzung befindlichen gefühls-Deutschen ungerecht
kategorisiert fühlen, wenn man ihnen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus
unterstellt, nehme ich gleich hier den verunglimpfenden Gegenargumenten
den Wind aus den Segeln, dass es sich hier um das Geschwafel eines
„linksversifften Gutmenschen“ handeln würde:
Zunächst handelt es
sich bei ausnahmslos jeder fremdenfeindlichen Äußerung nur um eine
Symptombeschreibung, denn im Grunde sind es aus FremdenAngst geborene
Meinungsmuster und die feindselige Einstellung resultiert aus der
psychologisch eindeutig herleitbaren Schutzreaktion, welche eben aus der
Angst geboren wird, die wiederum immer in Unverständnis gründet.
Weiterhin stelle ich keineswegs die begründeten Sorgen angesichts der
Probleme die in unserer Gesellschaft und dem von uns getragenen System
eine unkontrollierte Zuwanderung verursacht in Frage. Im Gegenteil, ich
unterstreiche sogar die Wichtigkeit der offenen, aufrichtigen
Betrachtung dieser Phänomene, vor allem aber die Notwendigkeit ihrer
ehrlichen Analyse. Diese Analyse ist allerdings nicht aus dem Kontext
einer über Generationen andauernden Entwicklung zu lösen und genau hier
liegt eben der infantile Denkfehler, bzw. die naive Ignoranz derer, die
sich nun beschweren, die nun ihre Finger gegen Politiker und gegen die
moralische Verwerflichkeit fremder kultureller Werte erheben. Denn die
Probleme die nun aus einer diffusen Deutschen Identität heraus
abgeurteilt werden, wurden bereits hundertfach von eigenständig
denkenden Systemkritikern aufgezeigt und über die Jahre mehrfach
öffentlich hervorgehoben, vorausgeahnt und vor allem mit
Lösungsvorschlägen für einen ernsthaften Weg der Veränderung, der
Prävention und im Sinne einer zukunftsorientierten Wandlung der
Gemeinschaft behandelt.
Es gibt in keinem Bereich nur Schwarz
oder Weiß, es sind die Meinungen natürlich im Einzelfall zu betrachten.
Allerdings entsteht nicht zuletzt durch die mediale Beeinflussung ein
öffentliches Bild, welches gerade zu diesem Thema die gern angenommene
Abkürzung, den schnellen, leichten Weg zur Lösung einer vielschichtigen
Problematik anbietet. Und dagegen gehe ich entschieden vor, vor allem
dann, wenn diese Scheinlogik mit einer dreisten Lüge offen eingeleitet
wird. Und diese Lüge ist, dass die Konsequenz der Ursache zugrunde läge.
Die Immigranten, Flüchtlinge und die, welche sich nur bereichern wollen
sind eine Tatsache, sie sind als gesellschaftliche Phänomene „der
Fall“. Das ist unbestritten. Dass sie allerdings die Ursache unserer
gesamtgesellschaftlichen Probleme und ihre Beseitigung im Umkehrschluss
die Lösung eben dieser bedeuten würde, könnte von der Wahrheit kaum
weiter entfernt liegen.
Unser Bewusstsein, darauf getrimmt
schnelle Bedürfnisbefriedigung und eine gedankliche Sicherheit zu
erreichen, nimmt über die Schnittstelle der Angst gerne eine allgemein
als gültig akzeptierte Sichtweise an, denn sie bewahrt vor der
Anstrengung der Entwicklung eines selbst-ehrlichen, persönlichen
Standpunktes und verknüpft gleichzeitig die Vermeidung der Angst des
„alleine Stehens“. Was hier zu vermeiden gesucht wird, sind im Übrigen
genau solche Attribute, welche es dann argumentativ als „Werte“ einer
Nation stolzer, mündiger Bürger zu verteidigen gilt. Hier liegt schon
ein Knotenpunkt des Selbstbetrugs vor, ein paradoxer Fehlschluss, der
die Meinung zu einem dogmatischen Glaubenssatz verkümmern lässt.
Natürlich kann sich auch hier jeder Einzelne, der sich vielleicht
angesprochen fühlt, leicht herausreden. Aber es geht mir nicht darum, zu
überzeugen, sondern lediglich Denkanstöße zu geben, da ich aus eigener
Erfahrung genau weiß, dass jedem Einzelnen die Unwahrheiten und
Fehlinterpretationen, sowie ihre Gründe und Ursachen, durchaus bekannt
sind, wenn sie auch oft sehr unterschwellig gehalten und zwanghaft
ignoriert werden.
So wird beispielsweise in der Jammerschrift
„Ihr nehmt mir meine Heimat“ dieses Artikels vom Stolz der Anabel
Schunke gesprochen, den sie immer empfunden habe, Deutsche zu sein.
Anabel Schunke ist Model und studiert Politikwissenschaft und
Geschichte, ist somit sehr in die westliche Wertewelt integriert, indem
sie ihre Erscheinung vermarktet, sich über die Medien verkauft und damit
ihren Wohlstand, ihre Bildung und alle Errungenschaften westlicher
Wertestrukturen sichert. Kulturell ist ein solcher Lebensweg nicht
eindeutig einer Landeskultur zuzuordnen, damit auch nicht abgrenzbar,
jedenfalls nicht eindeutig. Die Werte um die es hier geht sind
jedenfalls allein in dieser Bio nicht als rein „Deutsche“ erkennbar.
Sie erstellt Fotostrecken mit politischer Aussage, die, und da nehme ich
Bezug auf die in diesem Artikel verknüpften Fotos, eindeutig sein
können, allerdings keineswegs besonders Tiefsinnig durchdacht
erscheinen, sondern eher wie platte Stammtischparolen anmuten. Das Bild
einer Familie, bzw. dreier Frauen mit Kindern, von denen zwei Frauen
Kopftücher tragen in Verbindung mit dem Titel „Ihr nehmt mir meine
Heimat“ ist jedenfalls an banalem Populismus kaum zu übertreffen. Auf
derselben Schiene allerdings, die ich bereits ausführlich weiter oben
beschrieben habe, geht es den gesamten Artikel hindurch weiter. Es ist
nicht ein einziger Aussagesatz dabei, der einer Verstandesbasierten
Prüfung an der Wirklichkeit standhalten würde, wobei die meisten ohnehin
für eine Analyse nicht geeignet sind, da ihnen der relevante, greifbare
Inhalt fehlt.
Nehmen wir nur einmal diesen:
„Grüne, warum immer gegen Deutsche?“
Zunächst einmal sind „die Grünen“ ja auch Deutsche, also werden sie
sicher nicht „gegen Deutsche“ Politik machen. Doch ist mangels einer
genaueren Definition des „Deutschen“ und was ihn, außer seiner
Geburtsstätte, ausmacht, erstens die Frage eine leere, und auch die
Erörterung dieser Position kann nur ins Nichts führen, es sei denn, man
versucht zwischen den Zeilen zu lesen, was natürlich
Fehlinterpretationen nicht ausschließt. Das aber, und das ist mein
Standpunkt, ist auch genau die Absicht solcher Parolen. Denn das lässt
natürlich endlos freien Raum sich aus den eigenen Aussagen herausreden
zu können, sollte man auf Denkfehler hingewiesen werden.
Dass
die Politik im Allgemeinen, bestimmt und gelenkt von
Wirtschaftsinteressen, für die Menschenleben und auch die Menschlichkeit
keinerlei Wert haben oder eine Rolle spielen, gegen die Interessen von
Menschen gerichtet ist, ist keine Frage mehr in der heutigen Zeit. Dass
sie aber gegen eine diffuse Begrifflichkeit „der Deutschen“ gerichtet
sei, den man selbst nicht definieren kann oder will, ist nichts weiter
als eine haltlose Behauptung.
Die Bezugspunkte der
Identifizierung, von denen sie weiter schreibt sind ebenfalls in keiner
Weise dargestellt oder definiert, schon gar nicht als allgemeingültig
für alle „Deutschen“, auch für die Deutschen beispielsweise, die
keinerlei Angst vor kultureller Überfremdung haben und ihre Identität
eben nicht nach vorgegebenen Normen richten, sondern nach dem
Mensch-Sein, dem selbstbestimmten Denken und der eigenständigen
Einsicht. Und genau da ist wieder der Fehlschluss, dass es eine
Rechtsnorm geben müsse, nach der sich die eigene Identität richtet. Und
genau diese Einstellung geht einhundert Prozent gegen das, was die
Kultur und die Identität eines Volkes ausmacht, wahrhaftig von Wert ist
und die Mündigkeit und Eigenständigkeit eines Volkes repräsentiert:
nämlich freie Selbstbestimmung die sich nicht auf Politik oder Gesetze
berufen muss, sondern die Mitgestaltend tätig ist, Schöpferisch und
nicht dogmatisch stagniert sich an etwas „festklammern“ möchte, was ein
Zeichen absoluter Unmündigkeit ist. Und alle Denker und kreativen Köpfe,
die gestalterisch mitgewirkt haben an der „Deutschen Kultur“ waren eben
solche Menschen, und diese haben nie Angst gegenüber fremden Einflüssen
gehabt, denn diese Angst steht im krassen Gegensatz zu kultureller
Entwicklung des Menschen.
Und nun zu der Problematik, dass wir diese Freiheit nicht mehr haben, dass sie immer mehr eingeschränkt und beschnitten wird:
Die Ursachen dessen sind zur Gänze in der verheerenden Entwicklung
unserer wirtschaftlichen Welt, des Kapitalistischen Systems zu suchen
und sie sind sogar schon längst gefunden. Nicht etwa die „Ströme“, die
„Flut“, die „Masse“ an Scheinflüchtigen, an Immigranten und in der
öffentlichen Meinung ohnehin als moralisch unterlegenen Fremdartigen ist
hierfür verantwortlich. Die Wirtschaftsphilosophie des noch immer von
uns getragenen Systems ist in ihrer Fehlerhaftigkeit schon lange als
zerstörerischste menschliche Kraft entlarvt, jedoch eben nicht für
Menschen wie Anabel Schunke, die in ihren jungen Jahren noch zu
einhundert Prozent Nutznießerin der Ausbeutungswirtschaft ist und
geschützt durch die Gnade der Geburt und das Geld die Traumwelt eines
Weiße-Weste-Kapitalismus lebt, der mit tatsächlicher „Deutscher Kultur“
im Sinne von beispielsweise Thomas Mann, Hermann Hesse, Martin
Heidegger, Friedrich Nietzsche, Gottfried Wilhelm Leibnitz, Karl Marx,
Theodor W. Adorno, Mozart, Schumann, Wagner, Kraftwerk, Heino,
Extrabreit, Nena…. nicht das Geringste zu tun hat. Diese Scheinwerte,
die sie hier so freizügig im Namen der Xenophobie ohne sie zu nennen
propagiert werden sollen, waren noch nie reale, wirkliche Werte. Es sind
ideologisch verblendete elite-Positionen, die hier die Angst und damit
den Hass der Bevölkerung zu schüren versuchen, in der verzweifelten
Anstrengung, allein ihren persönlichen Status aufrecht zu erhalten und
dabei über Leichen zu gehen. Denn eigentliche Werte kultureller oder
auch nationalpolitischer Natur können einem nicht genommen werden.
Heimat übrigens schon, indem man gewaltsam von dort vertrieben wird. Ich
bin sogenannter „Deutscher“, und ich fühle mich motiviert durch Träger
der Deutschen Kultur. Motiviert und Angespornt, ihre Arbeit
fortzuführen. Aber mich auf ihren Lorbeeren auszuruhen und zu hoffen,
dass sich das noch eine Weile irgendwie so aushalten lässt, dafür ist
mir Deutschland, die Lehren und Erfahrungen die wir hier machen dürfen
und durften, viel zu schade, auch im Namen der Anabel Schunke. In dem
Moment, in dem man den Finger erhebt und auf andere Zeigt, ihnen die
Verantwortung für Probleme die einen selbst betreffen zuschiebt, in dem
Moment hat man sich an der Kultur vorbeigeschlichen. ~ Beastian