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Freitag, 15. Juli 2016

Tag 210 - Und noch ein "Islam-Experte" (wo sind eigentlich die Mensch-Experten?)






Gerne wird in letzter Zeit dieser Artikel geteilt und er verspricht "unerwünschte Offenbarungen"... mal sehen...


Und wieder ein „Islam-Experte“ der unsere „Flüchtlingspolitik“ kritisiert und Öl ins Feuer der Angst gießen möchte. Interessant wie die Gelehrten dieser Generation es in ihrem Alter immer noch schaffen, auf einen so schnellen Zug aufzuspringen. 

Bassam Tibi, der Erfinder der „Leitkultur“, (oder sollte ich sagen ihr „Entdecker“?) der aufgrund seiner eigenen Herkunft Zugang zu Bildung, Geld und der Möglichkeit hatte zu reisen und auszuwandern, ist ein Musterbeispiel der „Draufseher“, ein „Beobachter“ aus der Elitenperspektive, und er spricht ganz im Sinne althergebrachter arroganter Glaubenssätze, dass die Worte der „gelehrten Herren“ ungefragt Gültigkeit zu besitzen haben. 

„Die unerwünschte Offenbarung eines Deutschen Syrers“ 
titelt dieser Beitrag von „Audiatur Online“ und verspricht erfahrungsbedingte Erkenntnisse. Allerdings bleiben diese weitestgehend aus, lediglich spekulative Behauptungen bleiben hängen und diese werden allein aufgrund seines Titels zu einer diffusen Hintergrundwahrheit, ein Gedankenfilter der die Realität an das verängstigte Weltbild vieler anzupassen gedacht ist. Dabei dient der gleich zu Beginn eingestreute Hinweis, Bassam Tibi sei Schüler Adornos gewesen als Ankerpunkt der Schlüssigkeit, denn es muss ja etwas dran sein, wenn er unter einem derart großen Namen gelernt hat. Nun, das ist natürlich auch so nicht haltbar, denn er hat unter anderem bei Adorno und Horkheimer studiert, was aber nicht heißt, dass er „sein Schüler“ war. Auch ich habe beispielsweise schon Vorlesungen des Prof. Dr. Gerald Hüther besucht, bin deshalb aber noch lange nicht „sein Schüler“ gewesen.

Seine Behauptungen in diesem Artikel sind also nicht mehr als das, hier wird nichts detailliert hergeleitet oder begründet, sondern einfach nur gesagt. Allein die erste Behauptung ist schlichtweg falsch, wenn er sagt in Deutschland gäbe es nur Extreme, und „die Deutschen“ würden zwischen ihnen „pendeln“, als seien sie ein Volk ohne eigene Meinung, das sich rein emotional steuern lässt. Den Eindruck kann man zwar gewinnen, wenn ich mich auch ebenfalls als Teil Deutschlands bezeichnen möchte und viele meine Bekannten und Freunde ebenfalls, und in keiner Weise lässt sich diese Ansicht an meiner Erfahrung bestätigen. Allein die hergestellte, medial produzierte und präsentierte „öffentliche Meinung“, die Projektion der Gesellschaft in Funk und Fernsehen stellt ein derartiges Bild dar und es ist eine Tragödie, dass wir als Gesellschaft tatsächlich in extrem hohem Maße in unserer Sichtweise von diesen Medien beeinflusst werden. Das ist allerdings kein rein deutsches Phänomen, sondern ein menschliches. So wie unsere „öffentliche Meinung“ vorgefertigt verkauft wird, wird dieses Medium natürlich in allen Ländern zur Manipulation benutzt, in denen die Bevölkerung freien Zugang zu ihnen hat. Nicht umsonst bringt jede Regierung große Anstrengungen auf, vor allem die Rundfunk- und Fernsehanstalten unter ihre Kontrolle zu bringen, und selbst in den ärmsten Ländern wird darauf geachtet, dass annähernd jeder Zugang zu den Endgeräten hat. Umso erstaunlicher, dass der Kritiker dieses angeblichen Schwarz/Weiß Denkens selbst nicht differenzieren möchte und sich in eine Reihe mit den generalisierenden Anklägern stellt. Da können von mir aus zehn Doktortitel vor seinem Namen stehen, deren Bedeutung für seine Aussagen in diesem Zusammenhang sind gleich null.  Er sagt es selbst: er fällt ein Urteil über „die Deutschen“, ebenso wie über „die Araber“, und beruft sich dabei auf seine persönliche Erfahrung. Das ist natürlich an Anmaßung nicht zu übertreffen und vollkommen uninteressant für eine Lösungsorientierte Herangehensweise an Problematiken, die im Grunde alle Menschen betreffen. Aber hier kommt eben dieser bereits angesprochene, imaginäre Obrigkeitsanspruch einer Generation „gelehrter Herren“ zum Vorschein. Da hilft es auch nicht weiter, dass er sich hinter großen Namen und Zitaten versteckt, bzw. versucht durch auswendig gelerntes Eindruck zu schinden. 

Es ist in dem gesamten Artikel, wie übrigens in vielen „Gelehrtenmeinungen“ zur aktuellen Situation, nicht ein Ansatz zu erkennen, wie die Problematik entstanden sein könnte, bzw. welche Wege diese Problemgrundlagen beseitigen würden Es ist ein fatalistischer Grundsatz in solchen Kreisen, der von einer arroganten Selbstüberschätzung ausgeht, die das Ego zum Urteile fällenden Beobachter macht, weil es sich als fähiger ansieht als alle anderen Menschen. Tatsache ist, dass die Fähigkeit den Menschen und damit auch die Zusammenhänge der Reaktionen, des Verhaltens, der Ignoranz und des Egoismus zu verstehen jedem Einzelnen zugänglich ist, nämlich in der selbstehrlichen Selbstschau. Doch dieser Ansatz grenzt vor allem in sogenannten Gelehrten Kreisen an Blasphemie und wird entweder verunglimpft oder eben durch Ausschluss mit aller Härte bekämpft.  Wie auch immer, der Schein einer Expertenmeinung mit Offenbarungscharakter der im Titel laut angekündigt wird, verblasst bereits nach dem aufmerksamen Lesen des ersten Absatzes. 

Nun, ich gehe nicht davon aus, dass dieser Artikel das tatsächliche Potential des Herrn Tibi auch nur annähernd wiedergibt, jedoch lässt er sich (wahrscheinlich) aus Gründen der Selbstverliebtheit hier gerne vor den Karren spannen, um das altbewährte mediale Spiel des „divide & conquer“ Publikumswirksam weiter voranzutreiben. Dafür ist sich ja auch sonst kaum jemand zu schade. Schade ist nur, dass wir gerade auch durch solche Artikel genau diejenigen gesellschaftlichen Charakteristiken verstärken und ausprägen, die Herr Tibi hier zu kritisieren meint.

Zu den „störenden Flüchtlingen“ in der Göttinger Innenstadt, von denen Herr Tibi hier spricht:
Ich kenne Göttingen sehr gut, habe lange dort gelebt und ich kenne auch die elitäre Bildungs- und Öko- Schickeria, die dort immer noch den Anspruch erhebt, die Innenstadt zu „besitzen“ und schon seit ewigen Jahren Festlichkeiten und Veranstaltungen boykottiert, weil sie sich in ihrem ruhigen Altstadtleben gestört fühlt. Dass diese sich nun auch durch „Flüchtlinge“, also durch noch mehr Menschen noch erheblicher gestört fühlen ist wenig verwunderlich und kann diesen wohl kaum allein zum Vorwurf gemacht werden, ist aber vor allen Dingen kein Maßstab. Noch dazu, dass Göttingen eine Universitäts- und Studentenstadt ist, sich ziemlich etwas auf diese Universität einbildet (Elite-Uni…) und mit dieser Doppelmoral einerseits jung und lebendig wirken zu wollen, aber andererseits durch einen konservativen Geldadel ständig getadelt zu werden schon seit je her zu kämpfen hat.

Wie dem auch sei, ich lasse mich selbstverständlich nicht mit in die Urteile des Herrn Tibi einbeziehen, weder wenn er über „die Deutschen“ noch wenn er über „die Araber“ und deren antisemitische Kultur spricht. Schon gar nicht, und da sehe ich mich persönlich als tragender Teil einer Deutschen Kultur, übernehme, borge oder assimiliere ich eine Sichtweise eines anderen, und vor allem dann nicht, wenn dieser jemand sich auf Grund seiner Graduierung zur Urteilsfällung berufen fühlt. Ich kultiviere Deutschtum dadurch, dass ich meinen Verstand, mein Wissen und meine Fähigkeiten der Ursachenfindung eigenständig und möglichst unbeeinflusst schule, mich nicht in einem Urteil schlussfolgernd festlege und immer möglichst die eigene Beteiligung und vor allem auch die möglichen Konsequenzen meines Wirkens langfristig mit einbeziehe. Darin sehe ich die Verantwortung des Menschen an sich, die Verantwortung gegenüber dem leben, unseren Kindern und deren zukünftiger Lebenswelt.

~ BeastIan

Freitag, 21. August 2015

Tag 207 - Morgenstimmung und Selbstzweifel - Ursachenfindung (Teil 2)




Teil 1 dieses Posts ist privat und kann auf Wunsch eingesehen werden.

 [...]

Mir ist im Laufe der Zeit, wenn ich mich dazu durchgerungen habe diese Situationen für mich noch einmal zu durchleben klar geworden, dass die eigentlichen Ängste die mich in einem solchen Moment überfallen mit den Persönlichkeiten zu tun haben, denen ich gegenüberstehe und die in diesen Momenten die Macht besitzen, mich zu beurteilen, und in dieser Weise meine Zukünftigen Wege mitzubestimmen. Es sind die Persönlichkeitsmuster die ich eben durch die Arbeit mit mir, meinem eigenen Selbst, meiner Charakterentwicklung kenne und die ich bereits in vielschichtiger Analyse als nicht vertrauenswürdig entlarvt habe. Diese Muster die eben Menschen dazu bringen ihre Macht zur egoistischen Selbstbehauptung zu missbrauchen, andere Menschen als minderwertig zu betrachten, ihr eigenes falsches Selbstbewusstsein an der gesellschaftlichen Position die sie innehaben aufzublasen. 

Das ist nicht als Vorwurf oder Beschuldigung gemeint. Es geht vielmehr darum für mich selbst klarzustellen wo und wie meine emotionalen Reaktionen von mir selbst zugelassen, erlaubt und kultiviert wurden und in welcher Weise sie mich selbst davon abhalten diese Muster zu durchbrechen um eigenständig und eigenverantwortlich solche emotionalen Schranken zu überwinden.

Ich erkenne und erahne solche Beweggründe und Verhaltensmuster in den anderen Menschen, in den Personen die mich beispielsweise prüfen und beurteilen sollen und erkenne dadurch ihre Unfähigkeit dies tatsächlich angemessen zu tun. Denn ich weiß, dass kein Mensch wirklich in der Lage ist einen anderen Menschen umfassend zu beurteilen. Bei dieser Prüfung geht es aber im mündlichen Teil eben auch genau darum, in künstlich erzeugten Situationen die soziale Fähigkeit eines Menschen zu beurteilen, sein erlerntes Wissen fachgerecht anzuwenden. Das ist aus meiner Sicht völlig unmöglich, also ist diese ganze Veranstaltung nicht mehr als ein Theaterspiel. Eigentlich, so sollte man meinen, ist es gerade deshalb auch kein Problem sich durch diese Prüfung zu bringen. Allerdings gibt es bei mir eben diese innere Angst davor, beurteilt zu werden. Im Grunde plagt und beeinflusst diese Angst mich schon mein ganzes Leben und ich lerne mehr und mehr zu erkennen, wie extrem man sich doch lenken lässt und wie wenig selbstbestimmt man lebt, wenn solche Gedanken- und Emotionsmuster unbehandelt und unbemerkt in einem wirken. Die Wurzeln dieser Unsicherheit liegen zu einem großen Teil in meinen Erfahrungen in meiner Familie während meiner Kindheit. Ich spreche nicht über extreme Erfahrungen, Misshandlungen oder Missbrauch, sondern über ganz einfache, fast banale Erlebnisse und emotionale Erfahrungen, die für mich persönlich vollkommen normal erschienen, die aber zu einer emotionalen und gedanklichen Entwicklung geführt haben, die mich in einem falschen Glauben, einer grundfalschen Annahme hat älter werden lassen, dass ich der Anerkennung und des positiven Feedbacks von außen, in dem Fall  im Besonderen meines Vaters bedarf um mich gut zu fühlen und mit mir selbst im Reinen und zufrieden zu sein. Es ist nicht ungewöhnlich in diesem Glauben aufzuwachsen, oftmals funktioniert das ja auch, eben genau so lange wie man einen oder mehrere Menschen im Leben findet, die einem genau dieses Gefühl der Anerkennung und Achtung regelmäßig und kontinuierlich vermitteln. Ob das Partner, Familienangehörige oder Freunde sind. Aber es resultiert eben kein wahrhaftiges Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl aus einer solchen Gedanklichen und emotionalen Abhängigkeit heraus. Es ist immer ein gekünsteltes Konstrukt das von der unbewussten oder auch bewussten Angst des Verlustes dieser Beziehungen begleitet und geprägt wird. 

Dennoch, die Erkenntnis allein reicht offenbar nicht aus um sich von den Verstrickungen innerhalb der eigenen Persönlichkeitsmuster zu lösen. Man muss den einzelnen Strängen direkt auf den Grund gehen, sie dort lösen und entfernen. Die Verzweigungen in der Entwicklung, die einzelnen Knotenpunkte sind enorm vielschichtig und verzweigen sich wiederum in verschiedene Richtungen, es liegt also ein stetiger Prozess vor einem, bei dem man immer wieder auf Spuren einer Prägung/Programmierung stößt, deren grundlegende Routine man bereits an anderer Stelle, in einem anderen Bezugspunkt erkannt, bearbeitet und aufgelöst hat. 

Sich selbst derart aufzugeben, dass man das eigene Wohlbefinden, das Selbstwertgefühl von den Gefühlsregungen und Bekundungen anderer Menschen, die ihrerseits in der Regel wiederum auf die Rückmeldungen und Äußerungen anderer diesbezüglich hoffen, abhängig zu machen ist eine aus Angst geborene Opferhaltung die uns einerseits anerzogen, andererseits aber von uns selbst auch gerne angenommen wird, weil sie eben die Verantwortung und die unabdingbare Konsequenz der eigenen Handlungsnot scheinbar und oberflächlich von unseren Schultern nimmt. Das ist bequem und macht mich zum Beobachter der Welt, zu einem Nutznießer der Taten anderer, zu einem Parasiten der lauert und abstaubt wann immer es etwas zu holen gibt. Das mag übertrieben klingen, allerdings ist der Grundcharakter des Menschen innerhalb dieser Systeme in denen wir nun fast ausnahmslos alle leben von dieser eher wenig würdevollen Attitüde geprägt. Das lässt sich an unzähligen Beispielen belegen und aufzeigen. Eines davon ist eben auch meine „Morgenstimmung“ …

Zunächst einmal ist diese Stimmung von einem Grundlegenden Gefühl der Sinnlosigkeit geprägt. Es ist die empfundene Sinnlosigkeit dessen, was mich ausmacht, was ich getan habe in meinem Leben und wo es mich hingebracht hat, und darüber hinaus die Sinnlosigkeit dessen, was vor mir liegt, was ich tun kann, muss oder sollte an diesem Tag und überhaupt. Alles erscheint mir in lächerlicher Weise gezwungen, verkrampft und überflüssig. Nichts ändert sich in meinen Augen an den Menschen, an mir selbst und an dem sinnlosen Elend und Leid das Menschen überall verbreiten. Was also sollte es nutzen, wenn ich für mich selbst und auch für meine Familie versuche innerhalb unserer Möglichkeiten ein „gutes“ Leben zu führen? Letztendlich ist es nur eine Blase die irgendwann platzen wird, oder wenn sie nicht platzt dann ist sie eben nur eine Illusion, eine durch Ignoranz und Einbildung getragene Idee eines „guten“ Lebens. Selbst jedwede Anstrengung sich und die eigene Natur zu verändern um als Beispiel die Veränderung der menschlichen Systeme zu leben ist dann in meinen Augen nur ein Tropfen auf dem glühend heißen Stein der zerstörerischen Mentalität der Kulturen und Völker, ein verschwindend kleines, mikroskopisch kleines Tröpfchen, ein Furz im Wind sozusagen.

Ich bemerke schon beim Schreiben, dass ich versuche bestimmte Begriffe zu vermeiden, beispielsweise wenn ich „gutes“ Leben schreibe und dabei „gutes“ in Anführungszeichen setze, so hat das den Grund, dass ich damit andeuten will, dass ich darunter etwas ganz bestimmtes verstehe, das etwas diffus und vielschichtig über meinem Bedeutungshorizont herumschwebt. Ich hatte zunächst „glückliches“ Leben im Sinn, doch ist das glückliche Leben etwas, das für mich mit Schuldgefühlen und schlechtem Gewissen geladen ist. Denn ich bin mir durchaus darüber im Klaren, dass das was man als glücklich sein betrachtet keineswegs immer wirklich glücklich macht, zumal das Glück der Familien in unseren Systemen in aller Regel auf dem Unglück und dem Elend vieler anderer Menschen aufbaut. Weiterhin erscheint mir persönlich ein permanentes Glück wenig erstrebenswert, vielmehr ist Leben und lebendig sein etwas das in Reibung mit dem gesamten Leben, dem Umfeld und mit Unsicherheiten und Problembewältigungen einhergeht, ein brodelndes, kontinuierliches „Hier-Sein“ und ein aktives Teilnehmen am Geschehen. Das scheint so ziemlich das Gegenteil der individuellen Zielsetzungen in unserer Kultur zu sein. Vielmehr strebt man ein Konfliktarmes, eigenbrötlerisches, sorgenfreies und bequemes Leben an. Ein „gutes“ Leben hingegen stellt für mich die Optimierung des eigenen Potentials als Mensch dar, die einen dazu befähigt die eigene Existenz und das eigene Wirken für das Leben als Ganzes einzusetzen, sich in seinen Entscheidungen an den Konsequenzen zu orientieren die diese Handlungen für alle haben, das heißt bei seinen Überlegungen das Umfeld und die Interessen der anderen mit einzubeziehen. Und natürlich ist es notwendig, wenn man als Mensch sich selbst entfalten und seine eigenen Fähigkeiten entwickeln will, dass man sich dafür eine Basis schafft, die einem zumindest in existenziellen Fragen eine weitgehend sorgenfreie Grundlage bietet. Das ist notwendig, denn das System das wir alle gemeinsam im derzeitigen Zustand bilden und das unser aller Leben bestimmt baut auf dem Zwang auf, sich das Recht, bzw. die Möglichkeit zu leben erst verdienen zu müssen, und zwar nach ganz bestimmten Regeln des Finanzsystems. Geld bedeutet Leben und alles was dazugehört. Diese systemimmanenten Schranken und Strukturen erst einmal zu erkennen und sie zu verstehen ist eine Aufgabe die unabdingbar ist, wenn man die Intention hat etwas verändern zu wollen. Jeder andere Weg, jeder Versuch der Flucht oder des Ausstiegs ist eine Selbsttäuschung und ihre Motive sind Bequemlichkeit, Egoismus und Angst.

Dienstag, 2. Juli 2013

Tag0123 - Bullying (Teil 7) - Geheuchelte Vernunft und der Verrat am Leben

Aislinn Ritchie / Kids Photos / CC BY-SA


 Fortsetzung zu
Tag0121 - Bullying (Teil 6) - Das Erbe der Schande

Warum denn sonst können und wollen wir unseren Kindern in keinem Fall die ganze Wahrheit unserer Kultur und unserer Wertesysteme sagen? Warum versuchen wir immer und überall sie vor den Bildern der Wirklichkeit zu bewahren? Wir schieben ehrbare Gründe vor und heucheln wieder von Motiven des Schutzes, wir wollen ihre Unschuld nicht beflecken, wollen ihnen nicht zu viel zumuten. Und was tun wir um das zu erreichen? Wir belügen sie, verheimlichen das wahre Gesicht der Menschlichkeit so wie wir sie gestaltet und zugelassen haben. Wir wollen sie so lange sie in unserer Obhut sind glauben lassen, dass alles gut sei, wir wollen vor ihnen nicht als die unverantwortlichen Verbrecher am Leben und Mittäter beim Verrat an unseren Fähigkeiten dastehen, sondern als Vernunftbegabte, gereifte und mündige Erwachsene Helden erscheinen. Wir hoffen diesen Zustand so lange wie möglich aufrecht erhalten zu können nur um sie dann der Welt so wie sie wirklich ist zu überlassen. Wir werfen sie weg, wir sind selbst verunsicherte, unmündige und verängstigt naive Mitläufer die für eine Zeit starke Helden spielen vor ihren Kindern, so lange diese ihnen hilflos und machtlos ausgeliefert sind. Und wenn sie sich dann beklagen, wenn sie zurückkommen und vom Leben in der Welt die wir ihnen überlassen übel gezeichnet sind, dann machen wir ihnen noch Vorwürfe, reden ihnen noch mehr Minderwertigkeitskomplexe ein, halten ihnen Moralpredigten von Stärke und Fleiß, von Ehrlichkeit und Disziplin, von all den Dingen die wir niemals gezeigt haben, die wir niemals besaßen. Doch wir konnten uns noch die falsche Identität erkaufen, konnten vielleicht geschützt von Geld und Wohlstand eine unsichere aber wirkungsvolle Traumwelt um uns herum aufbauen, die sich aus vier Wänden, einem Fernseher mit flimmernden, die Realität verzerrenden und an unsere Illusionen angepassten Bildern und Geschichten, aus Unterhaltung und übermäßigem Konsum zusammensetzt. 

Die Wahrheit ist, dass wir, die Erwachsenen, die Institutionen und die Systeme die wir über uns herrschen lassen die eigentlichen Bullies sind. Wir sind die Täter, wir misshandeln unsere Kinder, wir sind in vollem Umfang für diese Entwicklungen verantwortlich. Aber wir zeigen keineswegs eine vernünftige und mündige Reaktion, wir übernehmen nicht die Verantwortung für den Schutz unserer Kinder und den Schutz des Lebens, weil wir diesen Wert längst verloren haben. Wir haben den Wert des Lebens durch den Wert der Ideale ersetzt, der Ideale die reine Illusionen eines von Angst und Isolation geprägten Geistes sind. 

Lächerliche und beschämende Argumente bringen wir den Opfern entgegen und sehen dabei selbst so aus als wären wir voller Angst und Unsicherheit. Und so ist es auch. Die Direktorin die versichert sich 'dem Problem' anzunehmen indem sie 'mit den Schülern spricht', die Vertrauenslehrerin die zwei Schüler dazu zwingt sich vor ihren Augen die Hände zu schütteln und ein bedeutungsloses „Entschuldigung“ zu murmeln, der Vater der strengere Strafen für die Gewalttäter fordert und die Eltern die sich überhaupt nicht um die Probleme ihrer Kinder kümmern, sie alle sind vollkommen Hilflos und wirken verzweifelt und verkrampft wenn sie ihre Rituale abhalten, weil sie eben genau wissen, dass sie nichts tun können. Der Grund ist aber nicht der, dass die Systeme übermächtig seien oder dass dies nun einmal ein natürlicher Entwicklungsprozess sein, das sind nichts weiter als billige und Fadenscheinige Selbstrechtfertigungen. Der Grund warum sie nichts wirklich relevantes tun ist, dass sie es nicht wollen. Sie wollen es nicht weil sie wissen dass sie ihr eigenes Versagen eingestehen, dass sie ihr eigenes Leben, ihre Ideale und heuchlerischen Werte in Frage stellen müssten, und dass sie ihren Kinder eingestehen müssten, dass sie ihnen keineswegs überlegen sind, dass sie in keiner Weise besser oder vernünftiger waren als sie, dass sie nichts besser wissen und sich mit ihnen gemeinsam mit sich selbst und dem Leben in Einheit und Gleichheit versöhnen müssten. Es ist der niedere Stolz allein der ihnen wahres Handeln verbietet. Der Stolz der die Feigheit verdeckt, der die unerträgliche Angst vor der Offenbarung der eigenen Lebenslüge von ihnen trennt. Nichts Vernünftiges, nichts von Mündigkeit und Verstand ist in diesem Verhalten der Eltern, der Institutionen und der Gesellschaft selbst zu erkennen. Viel zu ängstlich klammern sie sich an das Gewohnte, das altbekannte und scheinbar bewährte. Viel zu ängstlich und auch Neidisch sind sie angesichts der Chancen die den Kinder gegeben sein könnten, würde man ihnen die Wahrheit präsentieren. Und was passiert wenn man ihnen nichts vorenthält sondern sie wie gleichwertige Menschen behandelt zeigt der Ausflug einer Schulklasse in die Schlachtfabriken in denen sie einen brutal wirklichen Eindruck von den lebensverachtenden und grausamen Folgen unserer zivilisierten Entwicklung, getragen und befohlen von den einflussreichen Erwachsenen und Eltern bekommen. Es müsste viel mehr von diesen Exkursen in die Realität für Kinder geben. Es mag traumatisierend sein, aber es ist die Wahrheit und es bietet ihnen eine Chance die wir ihnen zu neiden scheinen, die Chance sich grundlegend zu ändern und die Todbringenden und gefährlichen Normen und Werte über Bord zu werfen die wir ihnen einzutrichtern versuchen. Was für einen Sinn soll es haben, wo liegt der Wert für die Kinder in einem Aufwachsen in Verblendung, in einer Erziehung die sie nicht auf die Wirklichkeit vorbereitet? Wie traumatisierend der Schock der Befreiung tatsächlich für Kinder und Jugendliche ist, wenn sie das erste Mal in direkten und ungeschützten Kontakt mit der Wirklichkeit kommen ist uns überhaupt nicht klar. Wir belügen sie über viele Jahre in denen sie uns ein natürliches Urvertrauen entgegenbringen das wir uns nicht einmal verdienen müssen, und darauf sind wir dann noch stolz. Wir könnten kaum niederträchtiger und hinterhältiger handeln. Und eben dieses Handeln ist es was sie von uns lernen und welches sie dann auch anwenden. Das Gefühl des Selbstwertes durch die Unterordnung anderer zu steigern, zu versuchen der Gewinner zu sein aus Angst unterzugehen, weil die Gesellschaft und die Welt in der wir leben keinerlei Freiheit und Schutz mehr bietet. Es sei denn den Schutz des Geldes und dieser basiert ebenso auf Missbrauch und Ausbeutung und genau dafür wird das Privileg des Wohlstands auch genutzt. Markenklamotten, große Autos, Handys, teure Konsumartikel aller Art repräsentieren einen Ersatz für körperliche und soziale Fähigkeiten, Intelligenz und menschliche Kompetenz.

Fortsetzung folgt!