Posts mit dem Label Selbstvertrauen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Selbstvertrauen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Mittwoch, 24. Juli 2013

Tag0130/131 - Die eine Entscheidung zur Selbstbestimmung [Warum Psychologie nicht heilt]

h.koppdelaney / Foter / CC BY-ND


Jede Hilfe bei psychischen Problemen die allein auf den Erkenntnissen und Fertigkeiten eines anderen Menschen beruht ist lediglich eine mentale, kurzfristige Manipulation durch die gedanklich gesteuerte Aufrechterhaltung eines Bewusstseinszustandes der vollkommen abhängig ist von den imaginären Konzepten einer Vorstellungswelt, von Interpretationsmustern und geborgten Wertvorstellungen die fernab der Wirklichkeit liegen und macht den Menschen zu einem abhängigen Bittsteller gegenüber den fremden Ideologien ohne Authentizität, ohne wirkliche Selbstbestimmung oder Selbsterkenntnis zu erreichen.
Die scheinbare Selbstbeteiligung des 'Patienten', sein eigener Beitrag in diesen Therapien und Rehabilitationsmaßnahmen liegt allein in dem Erlernen der Anwendungsstrategien bestimmter Verhaltens- und Denkmuster um aus der Manipulation von Außen eine Selbstmanipulation zu etablieren. Dieser Weg ist ein naiver Versuch der Problemlösung durch Symptombekämpfung, ohne wirkliches Verständnis für die ganzheitliche Struktur einer menschlichen Existenz und der Basis der Selbsterkenntnis als eigenverantwortliche Selbstwahrnehmung und Selbstbestimmung. Teils gründet diese Vorgehensweise in den Prinzipien der Geldwirtschaft, die aus jeder erdenklichen Notlage des Menschen einen profitorientierten Aktionismus wachsen lässt, zum anderen aber liegt der Grund für diese Desorientierung in der Selbstbeschränkung des Menschen auf seine Natur, eine dogmatische Annahme der Unabänderbarkeit seiner persönlichen Entwicklungsrichtung, dem Wunsch sogar, dass er dieser machtlos ausgeliefert sei, welcher aus der Angst vor der ungewohnten, unbekannten und daher fremd und bedrohlich erscheinenden Verantwortlichkeit dem Leben gegenüber geboren wird.
Der Grund warum ein selbstehrlicher Umgang mit psychischen Erkrankungen, also mit Entwicklungen die Leidensdruck und die Unfähigkeit am Leben teilzunehmen verursachen, hart und unsensibel erscheinen mag liegt vor allem in diesen Persönlichkeitskonzepten und der angelernten, über Generationen kultivierten Abneigung, Angst und Ablehnung gegenüber der Eigenverantwortlichkeit für und als das Leben in gleichwertiger Anerkennung aller Menschen und aller Lebewesen. Die ungewohnte klare Sicht für diese simplen Zusammenhänge, die Ursachen und Konsequenzen des eigenen Denkens, der eigens erlaubten und akzeptierten Werte und Ideologien die in der Persönlichkeit verankert sind ist für die isoliert und in der eigenen Geschichte der Erinnerungen und Emotionen gefangene Identität äußerst bedrohlich, da sie als künstliche Existenz ständig von der Rechtfertigung und Bestätigung ihrer eigenen Erhabenheit abhängig ist, ihrer Beständigkeit als überwertiges Sein, als Ich alles um sie herum als nutzbare Ressource und eben auch als Ursache aller Probleme, Schwierigkeiten und somit auch aller Erkrankungen ansehen muss. Wenn mein Leben nicht mehr funktioniert, wenn ich in den äußeren Systemen keinen Halt und keine Sicherheit mehr finde, wenn die Wirklichkeit zu sehr von meiner Erwartungshaltung und meinen Vorstellungen abweicht, dann muss ich als diese Fiktion meiner selbst Gründe in der von mir getrennten Außenwelt dafür suchen, da jede andere Möglichkeit unausweichlich die Infragestellung meiner „Natur“ bedeuten würde und eine 'Heilung' allein durch Eigenarbeit, durch den Wandel meiner akzeptierten und erlaubten Denk- Wert- und Verhaltensstrukturen möglich wäre.
(Un-)Glücklicherweise ist genau das aber die offensichtliche Realität. Und dass ich dabei den einzig wirksamen Weg der Selbsterkenntnis beschreite wenn ich erstmals meinen eigenen Beitrag und seine Konsequenzen berücksichtige, wenn mir bewusst wird, dass das Empfinden, die Stimmungen, die emotionalen Reaktionen nicht nur meine eigenen Kreationen sind, sondern dass diese Systeme auch noch bei allen Menschen gleichermaßen funktionieren und in ihrem Grunddesign den meinen absolut entsprechen, liegt daran, dass ich mich auf diesem Weg erstmals wahrhaftig in „den anderen“ wiedererkenne, weil ich die Gleichheit des Lebens erkannt und akzeptiert habe, und zwar in dem Moment in dem ich meine Eigenverantwortlichkeit für und als das Leben akzeptiert habe. Und wenn ich mich in den anderen wiedererkenne, dann nur weil und wenn ich mich selbst in jedem Moment, in jeder Interaktion und in jeder Reaktion selbst wahrnehme und verstehe, und dann kann es keine gedankliche Flucht vor der Eigenverantwortlichkeit mehr geben, denn ich sehe meine eigenen Reaktionen als meine eigene Kreation allein, erdacht und gestrickt aus persönlichen Erinnerungen, Wertvorstellungen, Fantasien, emotionalen Verknüpfungen und Bildern aus meiner persönlichen Gedankenwelt.

Doch wir scheuen zu allen Zeiten diese Einsicht in die Gleichwertigkeit und die Gleichartigkeit des Menschen als lebendiges Wesen. Wir glauben uns hinein in eine Fantasie-Existenz der Gedankenwelt, eine interpretierte, limitierte, eingeengte und stark begrenzte Wirklichkeit die nach unseren eigenen Regeln funktionieren soll. Daher haben wir auch all diese Ansprüche in uns zugelassen, die Erwartungshaltung gegenüber unserem Umfeld, gegenüber der Welt im Ganzen, als ob wir als Individuum einen Alleinanspruch hätten unsere ganz eigenen Vorstellungen und Wünsche erfüllt zu bekommen. In diesem einsamen Streben nach Erfüllung dieser Verlangen verlieren wir völlig aus den Augen, dass wir unter Umständen auf dieser Jagd eine Spur der Verwüstung hinterlassen und am Ende genau dort wieder ankommen wo wir begonnen haben, nur dass eben alles zerstört ist und wir unser Glück noch immer nicht finden. Wir sind so verbissen in diese Wahnvorstellung von der persönlichen Erfüllung, dass wir nicht einmal mehr merken, dass die Ziele und Wünsche denen wir nachjagen nicht einmal unsere eigenen, dass sie nicht authentisch sind. Wir fragen nie nach dem Warum, nie ernsthaft. Dogmatische Vorstellungswerte bestimmen unser gesamtes Leben und Streben und wenn man die Menschen fragt warum sie so viel Anstrengung und Belastung auf sich nehmen um ein zweites oder drittes Auto zu bezahlen, oder ein neues Kaufen obwohl das alte noch lange funktioniert hätte, dann sieht man für einen kurzen Moment den perplexen Ausdruck in ihren Gesichtern, für einen Augenblick wirken sie verstört bis sie die vorprogrammierten Selbstrechtfertigungen „herunterrasseln“ und ungläubig mit dem Kopf schütteln oder abschätzend lächeln wenn man diese Argumente nicht teilt, wenn man sie sogar hinterfragt. Im letzteren Fall kann dies sogar zu kompletter Ablehnung der eigenen Person und zu einer Spaltung der Beziehung führen, denn man stellt eine Gefahr für das wacklige Fundament der Identitätsgrundlage und des Selbstwertempfindens der anderen Person dar.
Nun, ähnlich verhält es sich mit vielen psychologischen Symptomatiken. Wenn man sich mit diesen Themen ernsthaft auseinandersetzt, sie studiert und sich mit Menschen unterhält, Erfahrungen sammelt, dann kann man in selbstehrlicher Selbstschau viele dieser Gedankenmechanismen, der emotionalen Reaktionsmuster und dem schein-logischen Umgang des Verstandes mit ihnen in dem er sie in die Systematik der eigenen Weltsicht hineininterpretiert bei sich selbst genau wiedererkennen. Man kann die Grundstrukturen von Menschen die als schwer psychisch erkrankt bezeichnet werden bei sich selbst in Grundzügen wiederfinden und wenn man selbstehrliche Selbstanalyse betreibt, wenn man reflektiert über eigene Reaktionsmuster und die Verdrängungs- und Abwehrmechanismen, dann kann man sich hineindenken und verstehen, warum Menschen sich hineinfallen lassen oder eben hineinwachsen in die Rolle eines psychisch kranken Menschen. Man versteht woher überhaupt diese Sehnsucht nach Selbst-Definierung kommt und warum jede Gelegenheit vom menschlichen Ego ergriffen wird, wenn die Konstellationen entsprechend ausgerichtet sind, um sich selbst zu „finden“, sich selbst einen, irgendeinen vordefinierten Wert zu verpassen, und wenn das bedeutet dass man als Opfer eine Krankheit seine ganz persönlich gerechtfertigte Welt aufbaut.



Es muss natürlich klar sein, dass dies keine Worte sind die bei einem Menschen der sich selbst noch in dieser Rolle befindet, der nicht einmal den Versuch unternommen hat aus sich heraus oder über sich hinaus zu wachsen, der noch nicht den Schritt gemacht hat die Eigenverantwortung für und als das Leben zu erkennen und sie auch anzunehmen, egal wie schwer dieser Weg, wie unangenehm dieser Prozess auch sein mag, zu irgendeiner Einsicht führen könnten. Im Gegenteil, solche Worte werden große Gegenwehr und Ablehnung hervorrufen, sie werden alle Selbstverteidigungsmechanismen der gedanklichen Persönlichkeit in Gang setzen die es vorsichtig vermeidet die Möglichkeit der Einsicht durch bewusstes Verstehen dieser Worte zuzulassen.
Tatsächlich aber kann jeder Mensch diese Konzepte, diese Verwirrungen und dieses Festhalten an Abläufen und Systemen der Werte- und Gedankenwelt verstehen und nachvollziehen und sogar selbst eigenständig den Weg aus dieser selbstauferlegten Gefangenschaft finden. Es braucht nicht einmal ein psychologisches Studium für dieses Verständnis, kein Lesen fremder Texte und sogenannter Erkenntnisse. Zur Entwicklung der effektivsten Wege um auch von außen die Unterstützung zu bieten den Menschen einen eigenständigen und eigenverantwortlichen Prozess der Selbstbefreiung zu ermöglichen hingegen sind die wissenschaftlichen Methoden absolut notwendig. Doch die Erkenntnisse anderer zu studieren um zu „verstehen“, das ist ein höchst gefährlicher Weg der trügerisch und folgenschwer für die eigene Entwicklung sein kann und ist, da man sich selbst eine Persönlichkeit, eine Illusion einer wissenden, erfahrenen Persönlichkeit auf der Basis toter und trockener Theorie aufbaut die nicht einmal in ihrem Inhalt mit einem selbst zu tun hat. Ich habe in meinen Studien die Erfahrung gemacht, dass die Grundprinzipien wissenschaftlicher, seriöser Forschungen, die Ergebnisse und bestätigten Erkenntnisse sich mit meinen im Prozess der Selbstentwicklung, der Entwicklung selbstehrlicher Selbstschau und der Akzeptanz meiner Eigenverantwortlichkeit für und als das Leben gewonnenen Selbsterkenntnisse immer wieder decken, was mich anfangs erstaunt und auch ein wenig stolz gemacht hat. Allerdings ist mir jetzt völlig klar, dass daran wirklich nichts „Außergewöhnliches“ ist, im Gegenteil, es ist im Grunde ein gewöhnliches, simples Wissen das allen und jedem zur Verfügung steht, wenn er nur beginnt sich selbst zu erkennen und von Grund auf zu verstehen.

Doch dieser Weg, wenn er auch der einzig wahre Weg zu Selbstbefreiung, zu Eigenständigkeit und Eigenverantwortung, aber vor allem auch zu mehr Selbstbestimmung ist, ist ein schwerer, schmerzhafter Weg. Er verletzt das alte(r) Ego, er provoziert es, regt es auf, macht aggressiv, frustriert und verbittert und eben diese emotionalen Reaktionen sind es, die den Weg aus dieser Verlorenheit in den Emotionalen Mustern und Gedankenbildern weisen, wenn man sich ihrer annimmt, wenn man nicht zu ihnen wird, sondern sie in sich erkennt um sich selbst ganz zu verstehen.

Fortsetzung folgt...


Samstag, 3. November 2012

Tag 76 - Charakterrollen: 'der Musiker' (Teil 1)

Bastian Neumann


Zeugnisse eines gewollten Versagers                                                               
Verfasst am 02.11.2012

Stichworte:
Reue
Frust
Zweifel 
Selbstvertrauen


Hin und wieder erlebe ich, dass ich wehmütig auf frühere Lebensereignisse zurückblicke und mir vorstelle, was ich wohl hätte anders machen können und ob ich mich dann wohl heute besser fühlen würde. Diese Gelegenheiten sind sehr selten und wenn sie auftreten, dann dreht es sich in aller Regel um eine Zeit meines Lebens in der ich viel Musik gemacht habe. Es ist hierbei keineswegs so, dass ich mir Illusionen mache über meine Fähigkeiten und was wohl aus ihnen geworden wäre wenn ich weiter gemacht hätte, es geht mehr um das Prinzipielle 'Gefühl' ein 'Musiker' zu sein und die Fragen die ich mir stelle drehen sich um meine Zweifel um die Wahrhaftigkeit dieses Empfindens und vor allem um meine Selbstehrlichkeit im Bezug auf meine Entscheidung die Musik aufzugeben, mich nicht wirklich dahinterzuklemmen und nicht alles zu geben um auch wirklich gut genug zu werden. Denn als ich anfing Gitarre zu spielen und später mit anderen gemeinsam Musik machte, war ich als Mensch ein zutiefst unsicherer, beeinflußbarer, von Schuldgefühlen und Verbitterung geplagter Mensch, weit davon entfernt selbstbestimmt, selbstbewußt und eigenständig zu sein. Vielleicht ein Stückweit 'normal' in unserer Gesellschaft für einen jungen Menschen, doch habe ich mich auch sehr in diese Rolle fallen lassen, mich darin gehen lassen und mit ihr identifiziert. Dadurch war ich auch nie wirklich in der Lage mich nach außen auszudrücken, das, was mich vielleicht ausgemacht hätte oder das, was ich mit 'Musik' und meinem Spiel ausdrücken wollte auch zu vermitteln, aufgrund der tiefen Selbstzweifel und natürlich dem daraus resultierenden Frust und der Verbitterung die mich in mich selbst eingeschlossen hatte. So war ich lediglich mit mir selbst und vor mir selbst ein frei spielender 'Musiker', nur vor mir selbst habe ich mich wirklich 'wohl' gefühlt. Es ist ganz klar, dass in einer solchen Entwicklung das Spiel zum Selbstzweck wird und dass daraus eine 'Musik' entsteht, die rein von der eigenen Persönlichkeit geprägt und auf sie ausgerichtet ist und natürlich mehr und mehr auch nur noch für die eigene Person, den eigenen emotionalen Körper, den eigenen Charakter verständlich bleibt. Im Grunde eine Entfremdung der Musik, zwar immer noch 'Musik', aber ohne Botschaft, eine Sprache ohne Sinn, ein reines Spiel mit dem eigenen Unterbewußtsein.
Mein Spielen wurde mehr zu einem Selbstgespräch, in der Art der Gedankengänge die man bisweilen hat, deren Bedeutung man sich voll bewußt ist ohne sie wirklich in Sprache umzusetzen.
In dieser Weise habe ich mich natürlich zu dieser Zeit nicht nur mit meiner Musik ausgegrenz und eingeschlossen, sondern ebenso in anderen Bereichen meines Lebens. In dieser Abgeschotteten Position die ich mir selbst zugeschrieben hatte habe ich mich als Mensch und als der 'Musiker' für den ich mich halten wollte ind eine Illusion geflüchtet, in die Illusion meiner Persönlichkeit als meiner eigenen, ganz privaten Geschichte, abgetrennt und unverständlich für mein Umfeld. Eine äußerst ungünstige Ausgangssituation um Musik zu machen.
Es ist daher immer schwierig für mich gewesen mich selbst einzuschätzen, meine Fähigkeiten ehrlich zu beurteilen. Denn natürlich hielt ich mich im Grunde für 'gut', ich habe ja auch den 'Zugang' sozusagen zu 'meiner Art' mein Instrument zu spielen gehabt. Nur habe ich eben an der Wirklichkeit vorbeigespielt, mir in vielerlei Hinsicht etwas vorgemacht und konnte mit den realen Ergebnissen meiner Tätigkeit nie zufrieden sein, geschweige denn eine Resonanz erhalten die für mich zu diesem Zeitpunkt wichtig war, da ich natürlich als dieser Charakter 'Musiker' auch darauf aus war, entsprechende Anerkennung zu bekommen.
Doch weiß ich heute, dass genau das eins der Probleme war, dass ich versucht habe etwas zu sein, von dem ich mir überhaupt nicht sicher sein konnte was genau das war, woher genau überhaupt dieser Wunsch kam. Um diese Anerkennung von meinem Umfeld zu erhalten hätte ich eine ganz andere Art 'Musiker' sein müssen, ich hätte eben disziplinierter Arbeiten, mich mehr an den Konventionen ausrichten und genau das machen müssen, was man erwartet. Damit ist nicht gemeint genau das spielen zu müssen, was man erwartet, sondern eben die Art und Weise die Musik zu 'handhaben' und sie interpretierbar zu machen. Doch das war nie meine Herangehensweise gewesen, ich habe immer gespielt mit dem Instrument, habe Töne produziert und sie sprechen lassen, habe spontan den Moment spielen lassen wollen, genau so wie er sich mir dargeboten hat.
Das hört sich gut an, allerdings war meine Technik dafür nicht gut genug. Zumindest dachte ich das.
Doch genau an diesem Punkt wurde mir eben meine Unsicherheit und meine unselbständige Flucht in die Gedanken, in die Illusion meiner Selbst zum Stolperstein, indem ich in Trotz und Verbitterung ob meiner Unfähigkeit mich nach außen auszudrücken und verständlich zu machen meine Selbstdisziplin und die notwendige Hingabe an die Selbstperfektion im Spiel und Umgang mit dem Instrument verweigert habe. Ich konnte und wollte nicht die Art des Spielens erlernen wie es andere taten, sondern wollte meinen ursprünglichen Zugang zu dem Instrument und der Musik beibehalten. Jedoch war ich nicht reif und eigenständig genug um auch selbstbestimmt und eigenverantwortlich dafür an mir zu arbeiten. Stattdessen tat ich das, was jeder vergeistigte und egoistische Charakter in einer solchen Situation tut, er reagiert verbittert und trotzig, sucht die Schuld und die Verantwortlichkeit für die eigenen Unsicherheiten bei anderen, außerhalb seines Selbst, in den Systemen, den Konventionen und Strukturen, in anderen Personen, indem er sich in Minderwertigkeitskomplexen suhlend selbst für seine Untätigkeit und Stagnation rechtfertigt.

Es ist mir klar, dass Reue überhaupt keinen Sinn macht und dass ich für alle meine Entscheidungen verantwortlich bin, und wenn sie in noch so tiefer Selbstverblendung getroffen wurden. Wenn ich selbstehrlich für mich und mein Leben stehe, dann kann es keine Reue und auch keine Schuldzuweisungen geben. Es stellt sich mir also die Frage was die Gründe und die Gedankenstrukturen sind, die mich hin und wieder in diese emotionalen Situationen bringen, dass ich mich frage was gewesen wäre wenn ich mich anders entschieden hätte, oder wenn ich dabei geblieben wäre, wenn ich mich mehr angestrengt hätte und die Musik nicht für viele Jahre völlig aufgegeben hätte.

Es sind zum einen die Erinnerungen an ganz bestimmte Momente, vor allem an das gemeinsame Spielen, die Stunden des gemeinsamen Übens, und dann natürlich die Auftritte, die Emotionen, das Adrenalin, die Erfolgserlebnisse und der Spaß. Diese Momente existieren in meinen Erinnerungen als eher unbestimmte Bilder, verbunden mit einem aufregenden Gefühl, einer Energie die das Ungewisse zusammen mit dem Erlebnis des gemeinsamen Musik machens, den Klangerlebnissen und dem Gefühl vor einem Publikum etwas 'zu leisten', das etwas 'besonderes' ist hervorruft. Das gegenseitige 'Pushen', die Vorstellungen die man sich davon macht, wie man wohl auf die Menschen wirkt, die Illusion 'bewundert' zu werden als eine Person die man sein möchte, einen Schein zu erzeugen, sich sicher und stabil zu fühlen, aufgrund der Resonanz des Publikums.
- Klar ist man als 'Künstler' und 'Idealist' immer der Meinung man tut alles nur für die Musik, um ihrer selbst willen, man möchte 'den Leuten etwas geben', man wäre sozusagen 'im Namen des Herrn unterwegs', aber das ist nicht mehr als der trügerische Schein den man sich selbst versucht vorzumachen um das Selbstbild eines 'Gutmenschen' aufrecht zu erhalten, ebensowenig geht der Fitness besessene aus reinem Gesundheitsbewußtsein und nur für sich selbst ins Fitness Studio -
Es ist das durch die Kultur, durch das Wertesystem der Gesellschaft geprägte Selbstwertgefühl das immer abhängig ist von der Reaktion, der Anerkennung oder aber auch der Ablehnung anderer Menschen.

Und bei alledem ist es der Gedanke an ein Leben das durchsetzt ist und bestimmt wird von solchen Momenten des gemeinsamen 'Erlebens' solcher 'Hypes'. Eine Vorstellung eines Lebens als Musiker, das in seiner idealisierten Form aus den zusammengestückelten Erinnerungsmomenten besteht.

Zum anderen ist es der Wunsch dieses Spiel für mich selbst zu perfektionieren. Diese Momente des Selbstgesprächs durch die Musik, sich selbst vor sich selbst zu erklären, sich aus sich herauszuspielen und sich dadurch selbst zu sehen und zu verstehen. Die Suche nach einer universalen Sprache die mit ein paar Tönen all das Ausdrückt und klarmacht, was so enorm anstrengend ist sich in seiner Muttersprache zu vergegenwärtigen.

Und genau hier ist wohl ein Punkt der Unehrlichkeit gegenüber mir selbst, in dem Wunsch etwas musikalisch zu bewerkstelligen, vor dem ich im Grunde davonlaufen will, das ich mir nicht wirklich deutlich und selbstehrlich vergegenwärtigen möchte. Es ist der Versuch mich selbst, beziehungsweise das was ich mir selbst erlaubt habe zu werden, als Persönlichkeit, als dieser programmierte Charakter, zu mystifizieren und in eine andere Sphäre zu heben in der Hoffnung, dass es dort vielleicht tatsächlich als etwas 'Erhabenes' oder 'Besonderes' erscheinen würde.
Ich war 'mystisch', ich war sogar in gewisser Weise 'okkult', jedoch war der Grund dafür der Unwille mich meiner wahren Person, meinem Charakter und vor allem meiner eigenen Verantwortlichkeit für das was ich mir erlaubt habe zu werden zu stellen. Und das was ich versucht habe in meiner Musik darzustellen wurde so unweigerlich zu einer Lüge, einem Versuch mich selbst nur noch weiter zu verleugnen, mich zu verblenden. Ich habe lediglich weitere Ebenen desselben Charakters geschaffen, noch wirrer und noch undeutlicher, noch undurchdringlicher für meine Selbstwahrnehmung.

Ich habe mich also verstrickt in eine von Grund auf unehrliche Selbstwahrnehmung sowohl gedanklich und in meiner inneren Vorstellung als auch musikalisch indem ich als diese Diffuse Vorstellung einer Person versucht habe zu spielen und mich mir selbst gegenüber auszudrücken, und dabei noch etwas nach außen zu tragen, mich zu repräsentieren.
All das war natürlich nicht primär in meinem Bewußtsein, denn ich war viel zu sehr damit beschäftigt an mir als dieses Selbstbild Bewußt und unbewußt zu arbeiten um es aufrecht zu erhalten. Und natürlich spielte zu dieser Zeit der Alkohol ebenfalls eine große Rolle bei diesem Selbstbetrug und dem 'Verrat am Leben'.

Doch genug davon, denn diese Dinge waren mir, wenn auch nicht in der Deutlichkeit in der sie sich mir jetzt, nachdem ich das geschrieben habe, bereits bekannt. Doch die eigentliche Frage bleibt: was veranlasst mich dazu immer wieder in Momente des Bedauerns zu verfallen und was hält mich davon ab einfach wieder anzufangen, mir ein Instrument zuzulegen und zu spielen? Zu üben und die Musik als das zu nehmen was sie ist, mich darin auszudrücken, selbstreflektiert und selbstehrlich so wie ich es in meinen Texten tue, oder aber auch einfach nur um mich zu unterhalten, um sie zu genießen?
Tatsächlich habe ich diese Versuche bereits drei mal unternommen. Das erste Mal ist schon etwa zehn Jahre her, und war wahrscheinlich für mich persönlich das traumatischste Ereignis, das ich tief in meiner Erinnerung vergraben habe und das mich dazu veranlasst hat mich als Musiker einhundert Prozentig abzuschreiben. Ich habe bisher nicht ausführlich darüber geschrieben oder gesprochen, viele Jahre danach immer in unbewußter Opferrolle gelebt und diese Selbstbeurteilungen und Anklagen unbearbeitet mit mir herumgetragen. Ein von Minderwertigkeitsgefühlen geprägtes Selbstbild geformt und bei alledem immernoch nicht die Eigenverantwortung übernommen mich der Wahrhaftigen Ursache dieser Elebnisse zu stellen und zu erkennen, dass ich allein verantwortlich bin, dass ich niemandem die Schuld zuweisen kann, weil ich als das Leben in diesem Leben stehe, als Mensch ein Teil all dessen bin, und dass ich mich auch wenn meine Wahrnehmung der Musik entgegen all dem Steht was das System das wir leben aus ihr macht, wenn ich mich nicht einverstanden erkläre mich diesem Weg einer musikalischen Ausbildung anzupassen, nicht in eine Opferrolle begeben kann um 'das System' dafür verantwortlich zu machen, zu warten, dass sich etwas ändert, weil dieser Akt ein Akt der Feigheit vor der eigenen Verantwortung für und als das Leben ist. Sich dem zu stellen wovon man ein Teil ist, das System zu erkennen und zu verstehen, sich gleich und eins mit dem Leben die Systeme - in allen Bereichen des Lebens übrigens - zu vergegenwärtigen und sich ihnen zu stellen um in eigenverantwortlicher und vor allem eigenständiger Entscheidung die Punkte zu bearbeiten oder umzugestalten die vom Standpunkt der Gleichheit allen Lebens und der angeborenen Freiheit des Lebens nicht akzeptabel sind, das ist ein eigenverantwortlicher und Selbstbestimmter Akt, eine lebendige Handlung die eben aktive Mitarbeit verlangt. Aber vor allem auch ein Selbstbewußtsein, das unumstößlich in eigenständiger Selbsterkenntnis steht, unabhängig von Bestätigung und Anerkennung von Außen. Das heißt, dass dieses Selbstbewußtsein, das das Bewußte Sein als das Leben, als eine Erkenntnis der offensichtlichsten Wahrheit der Einheit und Gleichwertigkeit allen Lebens ist, eine Vorbedingung für diesen 'Umgang' mit solchen und ähnlichen Situationen des Lebens in unserer Welt ist. Dass in dieser Erkenntnis auch die Einsicht in die Unmöglichkeit einer Opferrolle steckt, welche die Eigenverantwortlichkeit für und als das Leben ablehnt oder zu ignorieren versucht. Dieses Selbstbewußtsein ist die erste Vernatwortung die in der Entwicklung zum eigenständigen Menschen als Priorität in der gesellschaftlichen Verantwortung liegen sollte, vor allem in der Anleitung und Ausbildung der Kinder.
Ich bin in vielen anderen Blogs schon intensiv auf diesen Punkt der Eigenerantwortlichen Selbstschau eingegangen, in diesem speziellen Fall soll er hier nur noch einmal kurz verdeutlicht werden, da es im menschlichen Leben fast immer um diesen Punkt geht, wenn es zur Verstrickung in ideelle, moralische und manchmal rein fantastische Selbstrechtfertigungsgedanken kommt, um sich freizusprechen von Vernatwortlichkeiten für und Beteiligungen an problematischen oder gar bedrohlichen Situationen die dann meistens einen selbst persönlich betreffen.

Dieser Blog zum Thema Musik und meinem 'Musiker Charakter' wird offensichtlich weitaus ausführlicher als ich es erwartet hätte. Ich werde im nächsten Blog mit dem 'Ersten Versuch' wieder Musik zu machen und dem traumatischen Scheitern gefolgt von der Selbstverurteilung und Selbstaufgabe weitermachen um mich durchzuarbeiten bis zum jetzigen Moment, und in der Selbstvergebung und Neuausrichtung diesen Charakter dekonstruieren.

Fortsetzung folgt...